Experteninterview

Beratung für Careleaver

Anlässlich des einjährigen Bestehens der Anlauf- und Beratungsstelle für Careleaver, Careleaver.Bremen, führte ich ein Experteninterview. Das Interview in voller Länge lesen Sie hier:

„Wir helfen, bevor aus kleinen Problemen eine Krise wird.”

Dr. Lars Becker über die Arbeit der Anlauf- und Beratungsstelle für Careleaver in Bremen.

Becker_Lars_023
Dr. Lars Becker, Einrichtungsleitung SOS-Kinderdorf Bremen
© SOS-Kinderdorf e.V. / Foto: Annelie Sander

Warum eine Anlauf- und Beratungsstelle für Care-Leaver?
Wie häufig bei SOS-Kinderdorf e.V. haben wir ein Haus geerbt und dafür zunächst mehrere Überlegungen gehabt. Aber schnell war dann doch klar: Wir müssen und wollen die Vorteile eines so zentralen Standortes einfach gut nutzbar machen ─ und zwar für junge Leute, für Care-Leaver. Auch weil es hier vor Ort zum Beispiel keinen Landesverband vom Careleaver e.V. gibt und mein Eindruck auch ist: Gerade über diese Zielgruppe wird immer viel geredet, aber letztendlich dann doch zu wenig gemacht.

Also haben wir gefragt: “Who cares? We care!” Lasst es uns doch einfach machen! So entstand die Idee, im Ladenlokal des Hauses eine Anlauf- und Beratungsstelle für diese Zielgruppe zu eröffnen.

Was ist Ihr Beratungsansatz?
Der Ansatz dieser Beratungsstelle ist: Wir gehen davon aus, dass die Care-Leaver in der Regel ihr Leben richtig gut gemeistert bekommen. Aber kleine Krisen gibt es immer. Hier setzen wir an und helfen, bevor aus kleinen Problemen eine Krise wird.

Die Care-Leaver kommen vor allem mit ganz alltagspraktischen Anliegen zu uns. Das Schöne daran ist, dass sie in der Regel zufrieden aus der Beratung gehen. Und auch unsere Fachkräfte genießen es, dass der „Erfolg“ bei diesen Themen einfach schnell sichtbar ist; ihr Alltag im Job ist ja oft sehr durchgeplant und von langfristiger Beziehungsarbeit geprägt, wo sich „Erfolge“ vielleicht erst mal nicht so schnell einstellen.

Das finden die Kolleg*innen natürlich toll, weil sie sagen, das gelingt ihnen so gut wie in allen Fällen! Und die jungen Leute können ja immer wieder kommen. Unsere Türe steht offen, bis das Problem gelöst ist. Oder der Care-Leaver weiß nach der Beratung zumindest, wie er selbst das Problem angeht. Denn oft reicht ja schon ein Hinweis, um weiterzukommen: An welche Stelle muss ich mich jetzt wenden? Was ist der erste Schritt, um in Bewegung zu kommen? Also geht auch er zufriedener raus.

Wer arbeitet in der Care-Leaver-Beratung?
Derzeit arbeiten vier Fachkräfte in der Beratung. Das sind Kolleg*innen aus der Jugendhilfe-Praxis, die im Alltag in der Verselbstständigung arbeiten und junge Erwachsene bis zum „Care-Leaver-Sein“ begleiten. Dadurch wissen sie natürlich genau, wo sie anknüpfen, wenn sie zu ihnen kommen.

Und wir sind unglaublich froh, dass wir aktuell auch eine Care-Leaverin als Mitarbeiterin haben; sie lebte früher in unserer Einrichtung und hat inzwischen studiert. Bei ihr spüren die jungen Leute sehr schnell, dass sie gut nachfühlen kann, was sie gerade bewegt und an welchem Punkt sie stehen.

Und: Wir profitieren natürlich vom interdisziplinären Unterstützungsnetzwerk unseres Trägers SOS-Kinderdorf e.V. So können Mitarbeiter*innen jederzeit Psycholog*innen, Kolleg*innen aus der Frühberatungsstelle oder auch Rechtsanwält*innen für Fachberatungen hinzuziehen.

Mit welchen Anliegen kommen die Care-Leaver in die Beratung?
Die jungen Menschen kommen zu uns vor allem mit ganz alltagspraktischen Themen ─ auch weil sie uns ja nicht kennen. „Ich habe Post von einer Versicherung bekommen. Ich weiß aber gar nicht, dass ich die abgeschlossen hatte. Was mache ich jetzt?“ Das sind genau diese Dinge, bei denen sie früher wie selbstverständlich zu ihren pädagogischen Betreuern gegangen wären – oder wir mit 20 Jahren eben unsere eigenen Eltern um Rat gefragt hätten.

Auch leisten wir viel Berufsunterstützung. So gab es wiederholt den Fall, dass Care-Leaver in der Pandemie den Job verloren haben. Weil sie häufig in prekären Arbeitsverhältnissen stehen, also entweder befristete Verträge hatten oder als Erste gekündigt wurden, weil sie am wenigsten lange im Unternehmen waren. Wir stellen ihnen die nötige Infrastruktur zur Verfügung, die sie zuhause oft nicht haben: Computer, Scanner oder Kopiergerät – natürlich alles kostenlos. Und unsere Pädagogen unterstützen im Bewerbungsprozess, schauen mit ihnen gemeinsam über Anschreiben oder klären spezielle Fragen.

Ein weiteres großes Thema ist das Wohnen. So kommen Care-Leaver zu uns, denen die Wohnung gekündigt wurde oder die aus der WG ausziehen wollen, weil sie sich dort nicht mehr wohlfühlen. Aber sie wissen nicht genau, wie sie es eigentlich anstellen, einen neuen Wohnraum zu suchen, weil sie es zuvor noch nie gemacht haben.

Bei all diesen Anliegen stehen die Kolleg*innen natürlich auch im engen Austausch mit anderen externen Stellen: mit Beratungsstellen der Jugendberufsagentur oder dem Bremer Beratungsbüro für Erziehungshilfen. Denn oft sind wir ja nur für die ersten Fragen die richtige Anlaufstelle ─ und dann geht es woanders weiter. Wenn die jungen Menschen zustimmen, dann organisieren wir Termine, kündigen sie dort schon mal an und sortieren mit ihnen die Unterlagen.

Und das Thema Einsamkeit?
Vor allem bei unseren wiederkehrenden Besucher*innen merken wir, dass Einsamkeit schon ein großes Thema ist. Man muss sich vorstellen: Zuvor haben sie jahrelang in einer Wohngruppe gewohnt, immer umgeben von sieben oder acht Gleichaltrigen, hatten Bezugsbetreuer, die für sie da waren.

Oder wie viele feste Beziehungsstrukturen habe ich aufgebaut? Und wenn dann – so zumindest unsere Wahrnehmung – auch noch der Job und damit verbundene Sozialkontakte wegfallen, dann stürzen sie oftmals richtig in die Einsamkeit.

Was waren die Herausforderungen der letzten Monate?
Wir waren tatsächlich eine der wenigen Anlaufstellen, die durchgängig geöffnet hatte. Bei den meisten Behörden und bei ähnlichen Beratungsstellen war ja während des Lockdowns über mehrere Monate nur E-Mail- oder telefonische Beratung möglich. Und das ist für junge Menschen, vor allem auch für diejenigen mit Migrationshintergrund, erstmal eine große Hürde und oftmals auch nicht der richtige Zugang, um offen über Probleme zu sprechen. Wir haben es einfach als eine Verpflichtung gegenüber den jungen Leuten gesehen: „Wir sind für euch da! Wir halten den Betrieb offen.

So hatten wir zum Beispiel auch junge Leute, die zusammen mit ihren Betreuer*innen gekommen sind. Denn auch die Betreuer*innen waren damals einfach froh, eine offene Beratungsstelle vorzufinden.

Durchgängig geöffnet im Lockdown. Wie geht das?
Unser großer Vorteil ist, dass wir einen direkten Zugang zur Straße haben. Das heißt: Die jungen Leute betreten gleich den Beratungsraum, müssen also nicht erst fünf Flure queren. Außerdem ist der Raum groß genug, sodass man immer ausreichend Abstand halten kann. Und wir haben gleich zu Beginn Luftfilter eingesetzt.

Im Übrigen haben wir auch FFP2-Masken parat, wenn zum Beispiel junge Leute kommen, die keine oder eben nur einfache Masken haben. Denn Maskenpflicht besteht ja. Und so konnten wir zu Lockdown-Zeiten unser Angebot aufrechterhalten. Denn es steht ja in keiner Verfügung, dass eine Beratungsstelle wegen der Corona-Maßnahmen schließen muss. Aber es gibt gewisse Bedingungen, die eingehalten werden müssen ─ und genau darauf haben wir geachtet.

Ihr Wunsch für das zweite Jahr der Anlauf- und Beratungsstelle?
Neben dem Ausbau der Peer-to-Peer-Beratung wollen wir zusätzliche Kleingruppen-Angebote schaffen ─ vor allem auch für unsere wiederkehrenden Besucher*innen. Möglichst niedrigschwellig, vielleicht auch in der Art eines „Jugendtreffs“. Dafür bauen wir aktuell zwei weitere Räume um.

Wir wollen, dass die jungen Leute sich untereinander vernetzen und sich dann auch gegenseitig beraten bei Themen, die sie bewegen. Also letztendlich wieder Peer-to Peer … Das Schöne bei jungen Leuten ist ja, dass sie wenig Berührungsängste haben, auch wenn sie sich noch nicht kennen.

Was verbinden Sie mit der SGB-VIII-Reform für Care-Leaver?
Hier in Bremen ist es normal, dass die Hilfe für junge Volljährige bis 21 geht. Das hebe ich an dieser Stelle gerne hervor. Und wir sagen: Unsere ehemaligen Betreuten sind wie unsere aktuellen Betreuten – wenn sie das möchten. Unsere Türe steht offen, wir unterstützen, halten den Kontakt.

Die spannende Frage für mich ist: Was macht die Kommune, das Jugendamt mit diesem Gesetz? Wir alle in der Jugendhilfe sollten doch das Ziel haben, dass die jungen Leute nach dem Betreuungsende richtig gut durchs Leben gehen und sich flexibel aufstellen. Das heißt konkret aber auch, dass ihre Begleitung endlich aus der Sicht und vom Bedarf der Care-Leaver aus gedacht werden muss. Diesen Perspektivwechsel brauchen wir dringend! Er wird mit den Änderungen des SGB VIII durch das KJSG jetzt möglich.

Care-Leaver müssen also an diesen Übergangsprozessen aktiv beteiligt werden und das Recht haben, zu entscheiden, wo und wann sie sich Hilfe holen. Ich wünsche mir zum Beispiel eine Art „Gutscheinheft“, mit dem sich ein Care-Leaver eine Anzahl an Fachleistungsstunden bei einem Träger seiner Wahl unkompliziert einkaufen kann. Auch weil wir der Meinung sind, dass Care-Leaver, obwohl sie viel früher erwachsen sein müssen als Gleichaltrige, ihr Leben insgesamt gut meistern. Aber sie brauchen an gewissen Punkten Unterstützung. Ich finde: Nach all den Diskussionen ist es jetzt höchste Zeit, in die Erprobungsphase zu gehen!

Dr. Lars Becker, Einrichtungsleitung SOS-Kinderdorf Bremen (Interview: September 2021)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.